Herkunftsnachweis: Woran du echten Ökostrom erkennst
Auf vielen Rechnungen steht 100 Prozent Ökostrom, und trotzdem kann im selben Moment Strom aus einem Kohlekraftwerk durch deine Leitung fließen. Beides ist richtig, denn die grüne Eigenschaft wird getrennt vom Strom gehandelt. Wer dieses System versteht, kann auf dem eigenen Tarifblatt erkennen, wie viel hinter dem Etikett steckt.
An der Steckdose gibt es keinen grünen Strom
Das Stromnetz funktioniert wie ein großes Becken, in das alle Erzeuger gleichzeitig einspeisen. Die Windparks im Burgenland liefern ebenso hinein wie das Kraftwerk in Kaprun, die PV-Module auf dem Nachbardach und ein Gaskraftwerk. Über die Grenzleitungen hängt dieses Becken mit ganz Europa zusammen, also auch mit Atomkraftwerken in Frankreich und Kohlekraftwerken in Polen.
Alle Verbraucher entnehmen zur selben Zeit aus demselben Becken. Ein Elektron trägt kein Herkunftsschild, und an der Grenze steht kein Filter, der Kohlestrom aussortiert. Was bei dir ankommt, ist der Mix aus allem, was gerade eingespeist wird. Deshalb kann die Farbe des Stroms nicht an der Leitung hängen. Sie muss anders organisiert sein.
Ein Ausweis für jede Megawattstunde
Damit du trotzdem gezielt erneuerbare Erzeugung unterstützen kannst, hat die EU die Lieferung des Stroms von seiner ökologischen Eigenschaft getrennt. Je Megawattstunde, die eine Anlage erzeugt, lässt sich ein elektronischer Herkunftsnachweis ausstellen, kurz HKN. In Österreich werden diese Nachweise in einer zentralen Datenbank geführt.
Der Nachweis dokumentiert, aus welcher Anlage, welchem Energieträger und welchem Land die Megawattstunde stammt. Solche Zertifikate gibt es nicht nur für Wasser, Wind und Sonne, sondern für alle Energieträger, Kohle und Kernkraft eingeschlossen. Sobald die Megawattstunde einem Kunden zugeordnet ist, wird der Nachweis entwertet. So kann dieselbe Erzeugung nicht ein zweites Mal verkauft werden.
Ökostrom ist ein Eintrag in einer Datenbank, keine Eigenschaft des Stroms in deiner Leitung.
Wo das Greenwashing beginnt
Der Haken liegt in einem Detail: Zertifikat und physischer Strom dürfen getrennt voneinander gehandelt werden. Sie müssen weder aus derselben Anlage noch aus demselben Land oder demselben Zeitraum stammen. Ein Lieferant kann seinen Strom also aus dem Börsenmix beziehen, in dem Gas und Kohle enthalten sind, und dazu separat günstige Wasserkraft-Nachweise aus Norwegen erwerben. In der Bilanz ist das Produkt damit zu 100 Prozent grün und darf so beworben werden. Rechtlich ist das in Ordnung, inhaltlich nennen Kritiker es Greenwashing.
Drei Muster tauchen dabei besonders häufig auf:
- Zukauf von Nachweisen aus dem Ausland, getrennt vom Strom. Im Jahr 2024 war Norwegen das wichtigste ausländische Herkunftsland für Nachweise, die in Österreich verwendet wurden.
- Fehlende Zusätzlichkeit. Die Nachweise eines Wasserkraftwerks, das seit 80 Jahren läuft, sind genauso viel wert wie die einer frisch gebauten PV-Anlage. Dein Aufpreis für Ökostrom bewirkt dann keinen einzigen neuen Erzeuger.
- Doppelte Vermarktung. Vereinzelt wurde ein und dieselbe erneuerbare Megawattstunde an zwei Stellen beansprucht, ein Fall aus Island wurde 2023 öffentlich.
Was in Österreich anders geregelt ist
Österreich hat früher als die meisten Länder auf diese Lücken reagiert. Strom ohne jeden Herkunftsnachweis, sogenannter Graustrom, darf seit Jänner 2015 nicht mehr geliefert werden. Damit war Österreich das erste Land in Europa. Ebenfalls seit 2015 dürfen Nachweise aus Kernkraft in der österreichischen Stromkennzeichnung nicht verwendet werden, und in der veröffentlichten Stromkennzeichnung für 2024 liegt der Anteil Kernkraft bei 0,00 Prozent.
Seit dem Berichtsjahr 2023 muss außerdem jeder Lieferant ausweisen, wie groß bei ihm der Anteil aus gemeinsamem Handel ist. Gemeint ist Strom, bei dem Energie und Nachweis zusammen aus derselben Quelle kommen. Diese Angabe ist der brauchbarste Hinweis auf ein Produkt, hinter dem tatsächlich erneuerbare Erzeugung steht.
Ein Wort zur Ehrlichkeit: Auch atomstromfrei gilt nur in der Bilanz. Welches Kraftwerk physikalisch gerade liefert, kann dir niemand in Europa zusagen. Sicher ist nur, dass für deinen Verbrauch keine Nachweise aus Kernkraft entwertet werden. Ein Anbieter, der dir eine atomstromfreie Steckdose verspricht, verschweigt diesen Unterschied.
So liest du dein Tarifblatt
Wenn dir die Herkunft wichtig ist, achte auf zwei Angaben. Die erste ist der Anteil aus gemeinsamem Handel in der Stromkennzeichnung deines Tarifs, je höher, desto besser. Die zweite ist das Österreichische Umweltzeichen UZ 46. Es gilt in Österreich als das Siegel mit den strengsten Vorgaben für Ökostrom. Getrennt gehandelte Zertifikate sind dort nicht erlaubt, fossile und nukleare Quellen sind ausgeschlossen, und ein bestimmter Teil des Stroms muss aus neueren Anlagen stammen.
Ein hoher Anteil bedeutet nicht automatisch, dass ein Produkt in jeder Hinsicht nachhaltig ist. Die Chance, tatsächlich ein sauberes Produkt zu bekommen, wächst damit aber erheblich. Der Vorteil: Du kannst das auf deiner eigenen Rechnung nachlesen, statt einem Werbespruch zu vertrauen. Welche Zeile was ist, steht im Beitrag Stromrechnung lesen. Und weil Herkunft und Preis zwei getrennte Fragen sind, lohnt neben dem Blick aufs Etikett auch ein Blick auf den Energiepreis, etwa im Vergleich Fixpreis oder Spot-Tarif.
Häufige Fragen
Nein. Im Netz mischt sich der Strom aller Erzeuger, und was an deiner Steckdose ankommt, ist dieser Mix. Ökostrom entsteht durch die Zuordnung von Herkunftsnachweisen zu deinem Verbrauch, also in der Bilanz des Lieferanten.
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